Die grosse Fehlinvestition der Banken

Nach der Party das grosse Heulen

Die Schweizer Grossbanken glaubten, in den USA liege das grosse Geld auf der Strasse. Darum investierten sie vor 10 Jahren 40 Milliarden Franken. Doch statt Gewinn gab’s 25 Milliarden Verlust obendrauf. Wenn heute der Ständerat über die Grossbankenrisiken debattiert, wird viel zu hören sein von den wirtschaftlichen Interessen der Grossbanken, die gegen eine zu starke Regulierung sprechen. Ein Blick zurück zeigt aber, dass die Manager, verführt vom billigen Geld, das sie in der Schweiz aufnehmen konnten, vor 10 Jahren in den USA eine gigantische Fehlinvestition getätigt haben und seither nur verlieren.

Wie kam es dazu? Es war der grosse Traum einer ganzen Schweizer Banker-Generation: Fuss zu fassen in Amerika, dem Zentrum des weltweiten Kapitalismus. Das ist den Grossbanken gelungen. Die Credit Suisse und die UBS gehören als Investmentbanken (IB) und als Vermögensverwalter zu den Top Ten weltweit. Doch zu welchem Preis? Je rund 20 Milliarden Franken gaben die beiden Schweizer Grossbanken vor 10 Jahren für Übernahmen in den USA aus. Echte Gewinne aus diesen Zukäufen fahren bis heute beide nicht ein. Im Gegenteil: Nach Jahren der grossen Party folgt der grosse Abschreiber – erst bei der Credit Suisse, dann bei der UBS. Vorreiter beim Einstieg ins grosse US-Casino des Investmentbankings war die Credit Suisse unter Rainer E. Gut und Lukas Mühlemann. Das war die Folge einer 1996 formulierten Strategie. «Für uns war klar: Wir müssen mindestens zu den ersten fünf gehören», sagte eine CS-Sprecherin nach der Übernahme von Donaldson, Lufkin & Jenrette (DLJ) im Jahr 2000.

UBS wollte von CS profitieren

Dass die CS sich für den Ausbau in den USA entschloss, war intern umstritten. Kein Wunder, denn bereits Anfang 90er-Jahre mussten der kränkelnden Amerikatochter Milliarden nachgeschoben werden, 1996 waren es nochmals 10 Milliarden. Was die Grösse anbelangt, hatte die CS Erfolg. Bereits im Jahr 2002 war die Bank in allen relevanten Teilmärkten des IB – jenem Geschäft, das den Firmenkunden den Zugang zu den Kapitalmärkten verschafft – einer der führenden Player: Nummer vier im globalen Geschäft mit Anleihen und im Aktienkapitalmarkt, Nummer zwei bei der Aktienanalyse in Nordamerika und Europa, Nummer eins beim Geschäft mit hoch verzinslichen Produkten und bei den Firmenübernahmen und Fusionen.

Praktisch gleichzeitig wie die CS tätigte die UBS eine Grossinvestition in den USA. Es war jedoch ein anderes Geschäft, in dem sich die UBS zum Schwergewicht aufschwang: die Vermögensverwaltung für reiche US-Kunden. Dazu diente die Akquisition von Paine Webber. Als die CS 2002 in der Krise war, Milliardenverluste schrieb und massiv Arbeitsplätze abbaute, wollte die UBS quasi gratis auch ins Investmentbanking einsteigen. «Im IB sind wir noch nicht dort, wo wir sein wollen», sagte UBS-Pressesprecher Michael Willi. So kam es, dass fast jeder abgebaute CS-Mitarbeiter ein Angebot der UBS erhielt. Zu Beginn mit Erfolg: Im Gegensatz zur CS machte die UBS auch im Investmentbanking Gewinn und man überholte die Konkurrenz gemessen am Umsatz im IB bereits 2004. Marcel Ospel fragte immer wieder: «Und, machen wir es besser als die CS?» Dann verstieg sich Ospel zur Aussage, er wolle seine Bank zur weltweiten Nummer eins im Investmentbanking machen. Noch im Sommer 2007 sagte er im Interview: «Jetzt wollen wir in Amerika richtig Gas geben.» Daraus wurde nichts, wie die Geschichte lehrt. Allein im IB verlor die UBS in den letzten 10 Jahren knapp 30 Milliarden Franken, im US-Privatkundengeschäft nochmals 1,5 Milliarden. Zusammen mit einer Anfangsinvestition von 20 Milliarden kommt man auf ein Minus von über 50 Milliarden. Der Aktionär hat im gleichen Zeitraum zwei Drittel seines investierten Geldes verloren.

Beide halten am Geschäft fest

Bei der CS sieht es nicht viel besser aus. Bis heute hat sie seit 2001 aus ihrem 20 Milliarden Investment 6 Milliarden Franken herausgeholt oder eine Verzinsung von 3,4 Prozent des eingesetzten Eigenkapitals. Wenn das so weitergeht, braucht die Bank dreissig Jahre Zeit, bis sich ihr US-Engagement rechnet. Auch der CS-Aktionär hat mehr als die Hälfte seines Geldes verloren. Fairerweise müsste man zudem die Verluste der CS in den USA in den 90er-Jahren mit einrechen, und man käme wahrscheinlich auf eine ähnliche Verlustzahl wie bei der UBS. Doch dies lässt sich kaum mehr nachvollziehen.

Nun gibt es neben linken Politikern eine stattliche Anzahl von Finanzexperten und ehemaligen Generaldirektoren, die diese Investitionspolitik der Grossbanken in den USA in Zweifel ziehen: Hans Geiger, Klaus Jenny (ex CS), Konrad Hummler (Bank Wegelin), Philipp Hildebrand (SNB), Luqman Arnold und Markus Granziol (ex UBS), SVP-Vordenker Christoph Blocher meint: «Ich kann mir vorstellen, dass die Grossbanken ihr Investmentbanking ins Ausland auslagern, wenn hier die Eigenkapitalvorschriften zu streng werden. Allerdings wäre das für die Schweiz nicht tragisch, denn bisher haben die Schweizer Grossbanken mit dem IB sowieso nie Geld verdient.»Gleichwohl wollen sowohl UBS wie auch CS am Amerikageschäft festhalten. Etwas Einsehen hat einzig CS-Sprecher Marc Dosch: «Der Ausnahmeverlust von 2008 zieht die Bilanz arg ins Negative. Dies war der Grund, weshalb es 2008 zum Strategiewechsel kam: Wir führen die IB heute mit einem risikoreduzierten Modell.» Quelle: Tagesanzeiger

14.6.2011



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