Die Patzer der Baugenossenschaften
Altes und Günstiges muss Neuem weichen:
Abriss der Genossenschaftshäuser an der Katzenbachstrasse in Zürich Seebach
Die Genossenschaften könnten die Wohnungsnot in Zürich entschärfen – wenn ihnen bei der Planung der Neubauten nicht grobe Fehler unterlaufen würden.Wer in Zürich ein neues Zuhause sucht, braucht einen langen Atem. Vor allem wenn das Budget klein ist: Die Wartelisten der Genossenschaften sind lang, obwohl sie in der ganzen Stadt Neubauten errichten. Doch auch mit den zahlreichen Bauprojekten wird das Problem der Wohnungsknappheit nicht gelöst. Im Gegenteil.
Bauen wie vor 70 Jahren
Noch heute entstehen Einheitswohnungen wie in den 40er- und 50er-Jahren, selbst wenn das nicht mehr den Bedürfnissen der Mieterinnen und Mieter entspricht. Der Baugenossenschaft Glattal Zürich ist mit ihrer Siedlung Katzenbach genau dieser Fehler unterlaufen. «Es gibt dort hauptsächlich 4-Zimmer-Wohnungen mit grossen Grundrissen, die relativ teuer sind. Für Einzelpersonen mit normalem Budget, ältere Personen oder grössere Familien ist das keine Option. Es ist nicht erstaunlich, wenn es in solchen Siedlungen Probleme bei der Vermietung gibt», erklärt Walter Angst vom Mieterverband Zürich.
Ein weiteres Problem liegt darin, dass die Mieten in neuen Genossenschaftswohnungen immer teurer werden. Die Baugenossenschaft Sonnengarten sei laut Angst bei der Planung ihrer 2004 bezogenen Siedlung Hagenbuchrain davon ausgegangen, dass die Löhne stetig steigen werden und sich so auch die teuren Mieten rechtfertigen lassen. «Dort sind die Leute an ihre finanziellen Grenzen gestossen», weiss Angst, «es ist einfach nicht mehr so, dass der Lohn in 10 Jahren um 20 Prozent steigt.»
Genossenschaften peilen den Mittelstand an
Geradezu suspekt sind dem Mieterverband Baugenossenschaften, die ihre Projekte vorantreiben, ohne die Genossenschafter in den Prozess miteinzubeziehen oder ihre Pläne offenzulegen. So wurde Walter Angst hellhörig, als die Baugenossenschaft Röntgenhof bekannt gab, dass sie ihre Liegenschaft in der Siedlung Grünau abtreten wolle. «Der Verdacht liegt nahe, dass sie in den boomenden Stadtkreisen Kreis 5 und in Oerlikon, wo sie bereits Liegenschaften besitzt, stärker investieren will statt in der Grünau.» Dabei haben die Genossenschaften einen sozialen Auftrag zu erfüllen: «Sie sollten der Abwanderung der Unterschichten entgegenwirken. Baugenossenschaften dürfen nicht plötzlich nur noch den Mittelstand anpeilen, der 8000 Franken verdient. Der Durchschnittslohn beträgt in Zürich immer noch 6000 Franken.»
Schliesslich würde auch eine bessere Etappierung der genossenschaftlichen Bautätigkeiten den Druck auf den Wohnungsmarkt in Zürich lindern.«Was derzeit in einzelnen Quartieren läuft, ist zu viel auf einmal. Die Leute müssen ausziehen, ohne dass neuer Wohnraum entstanden ist», findet Walter Angst. «Wir reden hier schliesslich von Investitionsplanungen auf 20 Jahre hinaus. Da könnte man sich doch untereinander besser absprechen.»
«Die Leute müssen wissen, dass sie nicht vor dem Nichts stehen»
Es gibt aber auch gute Beispiele in Zürich. Richtig machen es unter anderem die Genossenschaft Kalkbreite, die Familienheim-Genossenschaft und die Allgemeine Baugenossenschaft Zürich ABZ. «Sie führen Workshops durch und beziehen dabei auch jene mit ein, die bereits in den Siedlungen wohnen oder dereinst darin leben werden», erklärt Angst. Ausserdem wird den alteingesessenen Genossenschaftern beim Bezug von Neubauten der Vorzug gegeben. «Das ist enorm wichtig, denn die Leute müssen wissen, dass sie nicht vor dem Nichts stehen.»
Quelle: www.tagesanzeiger.ch
11.4.2011

