Immobilienboom wegen Nationalbank?

Das Direktorium der Schweizer Nationalbank:
Präsident Philipp Hildebrand (Mitte), Mitglieder Thomas Jordan (links) und Jean-Pierre Danthine.
Die Hilfe für die Exportwirtschaft kann uns sehr teuer zu stehen kommen: Wegen des Euro-Mindestkurses muss die Schweiz mit Inflation und einem Immobilienboom rechnen. Scheitert die Nationalbank, ist sie bankrott.
Viele euphorische Stimmen begleiten den Kurswechsel der Nationalbank und die Einführung eines Euro-Mindestkurses von 1.20 Franken. Doch gratis ist die Hilfe der Nationalbank für die Exportwirtschaft nicht zu haben. Die Erfahrungen der Schweiz mit Wechselkurszielen ist zwiespältig: Als die Nationalbank 1978 bis 1982 eine Untergrenze für die D-Mark definierte, konnte sie zwar den Höhenflug des Schweizer Frankens bremsen. Der Preis dafür war aber hoch. Insbesondere im Immobilienmarkt kam es zu einem regelrechten Boom. Die Preise für Miethäuser stiegen innert vier Jahren um die Hälfte an, und auch die übrigen Immobilienkategorien wurden markant teurer. Die Inflation stieg im Sommer 1981 auf 7,5 Prozent.
Der Zürcher Universitätsprofessor Alexandre Ziegler ist gegen die Festsetzung des Währungsziels, weil es höchst wahrscheinlich sei, dass auch jetzt wieder ähnliche Probleme auftreten würden. Laut Ziegler zeigten ausländische Beispiele, dass es höchst gefährlich sei, Wechselkursziele einzuführen, wenn die unterschiedlichen Währungszonen in verschiedenen Konjunkturphasen stecken. Die Schweiz ist gegenwärtig in einer Hochkonjunktur, die Zinsen sind beinahe bei null, und mindestens in den Ballungszentren und in den Luxus-Ferienorten gibt es bereits heute eine Immobilienblase.
Beispiele Hongkong und Israel
Was dies bedeuten kann, zeigen zwei ausländische Beispiele: Hongkong und Israel. Hongkong verfolgt eine fixe Wechselkurspolitik gegenüber dem US-Dollar. Damit übernimmt Hongkong faktisch die Geldpolitik der USA. Das bedeutete in den letzten Jahren, dass die Geldmenge massiv ausgeweitet wurde. Für die USA machte eine solche Politik vielleicht Sinn, denn die amerikanische Notenbank (Fed) muss mit einer Arbeitslosigkeit von gegen 10 Prozent fertigwerden. In Hongkong, das sich mit einer realen Wachstumsrate von 7 Prozent in einem Boom befindet, führte diese expansive Geldpolitik laut Ziegler aber zu einer Inflation von gegen 8 Prozent.
Israel wiederum erhöhte seine Währungsreserven seit Anfang 2008 von 30 auf 70 Milliarden Dollar. Auch dort geschah dies zum Preis einer erhöhten Inflation insbesondere im Immobiliensektor, wo die Preise im zweistelligen Bereich wachsen.
Die Schweizerische Nationalbank (SNBN1065-2.29%)hat nun den Weg gewählt, sich der Europäischen Zentralbank auszuliefern. Deren Politik besteht im Moment darin, mit immer neuen Euros griechische Staatspapiere und die Schuldscheine der Portugiesen, Spanier und Italiener aufzukaufen. Die Nationalbank (SNB) wiederum kauft jetzt diese Euros – und teilweise auch direkt die Staatsanleihen. «Ein enormes Risiko», meint Ziegler.
Bei jeder Aufwertung gigantische Verluste
Es fragt sich, ob es irgendwann gelingen wird, wieder aus dem Wechselkursziel auszusteigen. Die Nationalbank hat bereits vergangenes Jahr 150 Milliarden Franken eingesetzt, um den Franken tief zu halten. Damit hat sie bald 50 Milliarden Franken verloren. Das Eigenkapital ist auf 16 Milliarden Franken gesunken, auf unter 10 Prozent der Bilanzsumme. Als der Euro und der Franken Anfang August beinahe die Parität erreichten, stand das Eigenkapital der Nationalbank wohl bei null, glaubt SVP-Nationalrat Hans Kaufmann. Damit besteht die Gefahr, dass ewig an diesem Ziel festgehalten wird. Auch dafür gibt es Beispiele: Japan und China verfolgen schon seit einigen Jahren die Politik, ihre Währung gegenüber dem Dollar künstlich tief zu halten. Die Devisenreserven der japanischen Zentralbank belaufen sich inzwischen auf 1000 Milliarden Dollar, diejenige von China auf 3000 Milliarden. «Das ist die Hälfte der chinesischen Wirtschaftsleistung», sagt Ziegler. Bei jeder Aufwertung der beiden Währungen fallen jeweils gigantische Verluste an.
Bund budgetiert falsch
Mit der Definition des Wechselkursziels wird man sich endgültig von der Illusion verabschieden müssen, dass die SNB ihre Währungsverluste bis Ende Jahr noch ausbügeln kann. «Trotzdem», sagt Hans Kaufmann, «budgetieren wir beim Bund mit einem 300-Millionen-Franken- Beitrag der SNB. Der wird nie kommen.» Im Kanton Zürich sind die Nationalbankbeiträge bei der Budgetierung nicht mehr vorgesehen. SVP-Nationalrat Kaufmann ist trotzdem nicht grundsätzlich gegen das Kursziel, er sagt aber, die Nationalbank sei zum Erfolg verdammt. Denn wenn es nicht klappe, den Euro zu stabilisieren, sei nicht nur die Nationalbank bankrott, sondern auch die Exportwirtschaft am Boden.
Quelle: Tagesanzeiger
7.9.2011
