Leimbach: Sechs teure statt 18 günstige Wohnungen
Viel zu wenig für den Kanton:
Genossenschaftspräsident Franz Halbritter bot 1,85 Millionen für das Haus
Der Kanton verkauft seine Liegenschaften dem Meistbietenden. In Leimbach hat jetzt eine Baugenossenschaft das Nachsehen. Das Einfamilienhaus an der Zwirnerstrasse 78 hätte perfekt ins Portfolio der Baugenossenschaft Linth-Escher gepasst. Rundherum, am Hang in Nordleimbach, gehören ihr fast alle Liegenschaften. Seit Jahren hatte die Genossenschaft dem Kanton ihre Kaufbereitschaft signalisiert. Und positive Signale zurückerhalten.
Im letzten Herbst starb die einzige Mieterin, eine alte Frau. Der Kanton schrieb das 80-jährige Haus aus, die Genossenschaft bot mit: 1,85 Millionen Franken für das 1260-Quadratmeter-Grundstück, was knapp 1500 Franken pro Quadratmeter entspricht. Am Fuss des Uetlibergs, wo die Sonne kaum je länger als bis 16 Uhr scheint, galt das bis vor kurzem als stattlicher Preis. Die Summe markiert auch die Obergrenze, mit der die Genossenschaft günstige Mieten garantieren konnte.
Weniger Wohnraum
Wenige Tage nach Verstreichen der Eingabefrist erhielt Präsident Franz Halbritter Bescheid: Von 29 Interessenten erreichten 10 die Endausscheidung. Die Genossenschaft gehörte nicht dazu. Telefonisch erfuhr sie, dass der tiefste Bieter, der es unter die letzten 10 geschafft hatte, eineinhalb Mal so viel zu investieren bereit war. Das heisst 2,7 Millionen. Gemäss Schätzungen des Schweizerischen Verbandes für Wohnungswesen (SVW) kann der Kanton mit dem Grundstück einen Preis von rund 3 Millionen erzielen. Das Immobilienamt will dazu nichts sagen, da der Regierungsrat das Geschäft noch nicht bewilligt hat. Ausserdem blieben Erträge aus Landverkäufen immer geheim.
Der Entscheid bewirkt, dass in Leimbach nicht nur teurerer, sondern auch weniger Wohnraum entsteht. Laut Immobilienamt plant der Käufer ein Mehrfamilienhaus mit sechs Wohnungen. Werden diese verkauft, muss die Besitzerin wohl mehr als eine Million für eine Wohnung verlangen. Ansonsten rechnet sich die Investition von 3 Millionen nicht. Die Genossenschaft hätte Platz für deutlich mehr Menschen geschaffen. Wegen des Arealbonus, der ihr dank ihres benachbarten Bodens zusteht, hätte sie 18 Wohnungen bauen können.
«Absolut stossend»
Statt 18 günstige entstehen in Leimbach also 6 teure Wohnungen. «Das ist bei der jetzigen Wohnungsknappheit absolut stossend», sagt Hans Conrad Daeniker, Informationsbeauftragter des SVW. Und Franz Halbritter kritisiert, dass der Kanton von der Bodenspekulation profitiere. Halbritter, der für die Linth-Escher immer wieder Häuser rund um die Zwirnerstrasse erstanden hat, schätzt, dass sich dort in den letzten Jahren die Preise fast verdoppelt haben. «Leimbach galt lange als unattraktiv. Das hat sich geändert.»
Der Kanton habe gar keine andere Wahl gehabt, als an den Meistbietenden zu verkaufen, sagt Thomas Maag, Sprecher der Baudirektion. Grundsätzlich sei der Kanton gehalten, sein Eigentum zu Marktpreisen abzugeben. «Die Bevorzugung von Genossenschaften entspricht einer indirekten Subvention. Dafür braucht es einen politischen Auftrag.»
100 Verkaufsobjekte in Zürich
Thomas Hardegger (SP), Präsident der Planungs- und Baukommission im Kantonsrat, widerspricht: «In der Verfassung steht, dass Kanton und Gemeinden den gemeinnützigen Wohnungsbau fördern sollen. Das will der Regierungsrat nicht sehen.» Eine überparteiliche Arbeitsgruppe prüfe nun eine Motion, um diesen zu einer «umsichtigeren Wohnbaupolitik» zu verpflichten. Eine solche verfolgt die Stadt Zürich seit langem. Grössere Grundstücke gibt sie sehr selten an private Investoren ab, auch wenn sie damit auf Gewinn verzichtet.
Mit einem Umdenken des Kantons würde ein altes Anliegen der Linken erfüllt, die sich wiederholt an der kantonalen Verkaufspolitik störte. Vor zwei Jahren beanstandete die städtische SP die Vergabe von zwei Häusern am Zürichberg; in beiden befinden sich heute Eigentumswohnungen. Mit mehreren Vorstössen forderte die SP darauf ein Vorkaufsrecht für Gemeinden. Das Stadtparlament unterstützte das Anliegen, der Regierungsrat lehnt es ab. Die Gemeinden seien nicht imstande, genug hohe Summen zu zahlen. Gleichzeitig legt der Regierungsrat offen, dass der Kanton in Zürich 100 Häuser besitzt, die für eine Ausschreibung infrage kommen. Zwischen 1999 und 2009 hat er 19 Liegenschaften verkauft, eine davon an die Stadt.
Quelle: Tagesanzeiger
21.3.2011

