Warum Kleinanleger auf die Schweiz setzen sollten

Tobias Straumann

«Für die Euro-Rettung siehts schlecht aus»

Tobias Straumann, Wirtschaftshistoriker von der Uni Zürich, hat den heissen Börsen-August vorausgesehen und erklärt im BLICK, wieso Kleinanleger jetzt auf die Schweiz setzen sollten.

Herr Straumann, der erwartete Crash an den Börsen blieb heute aus. Wie ernst ist die Lage?

Was Europa angeht, bin ich immer noch pessimistisch. Es ist gut, dass die Europäische Zentralbank Staatsanleihen von Italien und Spanien kaufen will, um die Situation zu beruhigen. Aber damit bleiben die Grundprobleme der Währungsunion weiter ungelöst. Auf der anderen Seite könnte es sein, dass die Abstufung von US-Staatsanleihen durch Standard and Poor’s weniger schlimm ist als erwartet. In Japan gab es in den 90er-Jahren einen ähnlichen Fall: Das Rating wurde heruntergesetzt, aber ohne grosse Auswirkungen für das Land.

Wie von Ihnen erwartet, hat der August einen Mini-Crash verursacht. Was deutete darauf hin?

Ich erwartete den Absturz ehrlich gesagt erst Mitte oder Ende August, weil dann die Investoren aus den Ferien zurückkommen. Das war schon immer so. Vor drei Jahren zum Beispiel stürzte Lehmann Brothers auch wenige Wochen nach den Sommerferien ab. Während den Ferien lässt man die Zügel schleifen, und wenn man zurück kommt, ist es schon zu spät. Diesmal geht alles viel schneller.

Wie könnte es nun weiter gehen?

Beim Euro warte ich immer noch auf eine Paketlösung der Regierungen. Es sieht aber schlecht aus, weil der Rettungsfonds für Spanien und Italien einfach zu klein ist. Deutschland sperrt sich gegen eine Aufstockung, möglicherweise ist es finanziell sogar selber bald überfordert. Die einzige Möglichkeit sind Eurobonds, also gemeinsame Anleihen. Aber das dauert zu lange, weil dazu die Gesetze geändert werden müssten. Ich bin deshalb ziemlich ratlos, weil die Währungsunion ein historisch völlig neues Gebilde ist. Die USA leiden immer noch unter den Folgen der Immobilienkrise. Es kann gut und gerne noch drei bis fünf Jahre dauern, bis die Stagnationsphase überwunden ist.

Was empfehlen Sie jetzt Kleinanlegern?

Dass sie ihre Anlagen möglichst in der Schweiz tätigen, weil die Gefahr besteht, dass man durch den Wechselkurs viel verliert. Am besten sind wohl Staatsanleihen, wenn man überhaupt noch welche bekommt. Auch Anleihen von Schweizer Unternehmen sind sicher.

Könnte die Nationalbank bald nochmals intervenieren?

Das hoffe und erwarte ich. Es gilt nun, eine Untergrenze des Frankens gegenüber dem Euro festzusetzen. Demnach müsste die SNB so lange Franken drucken und Euros kaufen, bis ihr der Markt glaubt, dass es ihr ernst ist. Das erfordert sehr viel Mut und Entschlossenheit. Als Vorbild soll die Intervention der SNB von 1978 gelten. Damals war der Dollar schon seit längerem schwach, und als auch die Deutsche Mark tauchte, legte die SNB ein Wechselkursziel von 80 Rappen gegenüber der DM fest. Es hat ausgezeichnet funktioniert. Die Frage ist nun, ob diese Strategie auch heute noch funktioniert. Das wissen wir erst, wenn die SNB es ausprobiert hat. Wir leben in schwierigen Zeiten.

Quelle: BLICK

9.8.2011



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